Manchmal haben auch Rezensenten Tomaten auf den Augen oder stehen so richtig auf dem Schlauch… Vital Lacerda??? …noch nie gehört! Das mag sicher zum einen am zunehmenden eigenen Alter liegen, aber auch daran, dass immer mehr sehr gute Spiele bei den vielen kleinen Verlagen heraus gegeben werden, so dass man schon mal die Übersicht verlieren kann. Aber klären wir auf: Vital Lacerda war der portugiesische Autor des sehr guten, aber auch extrem anspruchsvollen Spiels Vinhos, welches 2010 beim italienischen Verlag What´s your Games? erschienen ist. Nun also präsentiert er mit dem hier vorliegenden CO2 sein zweites Werk.

Die Spieler schlüpfen bei diesem semikooperativen Spiel in die Rolle von Energiekonzernchefs, die einen schwierigen Spagat ausführen müssen. Zum einen wollen sie mit ihrem Konzern natürlich einen ordentlichen Gewinn bzw. Profit machen, zum anderen können sie aber auch nicht zulassen, dass es auf der Erde zum CO2-Overkill kommt (Denn wer würde dann noch ihre ganze schöne Energie kaufen?). Also müssen Forschungsprojekte vorangetrieben und Kraftwerke gebaut werden, die (angeblich) eine bessere CO2-Bilanz haben als die derzeitigen Kraftwerke, die vollständig auf fossile Brennstoffe setzen.

Auf dem Spielbrett sehen die Spieler eine abstrahierte Weltkarte mit den einzelnen Kontinenten sowie kreisförmig angeordneten diversen Zählleisten die u.a. den Grad der weltweiten CO2-Belastung oder die Siegpunkte darstellen. In dieser findet sich auch ein Abbruchkriterium für das kooperative Spiel. Übersteigt der CO2-Gehalt einen ersten Schwellwert kommen regelmäßig negative Ereignisse in vorbestimmten Regionen ins Spiel. Erreicht er einen zweiten, weiteren Schwellenwert, haben alle Spieler gleichermaßen verloren. Weitere wichtige Bestandteile auf dem Plan sind die Technologieleisten. Hierauf wird abgebildet wie stark sich die jeweiligen Konzerne in den fünf Forschungsbereichen engagieren und wie weit deren Forschungen dort aktuell gediehen sind.

CO2 startet im Jahr 1970 und läuft abhängig von der Spielerzahl über bis zu sechs Dekaden. Jede Dekade gliedert sich dabei in zwei Phasen, die Versorgungsphase und die Aktionsphase. In der Versorgungsphase erhalten die Konzerne anhand ihrer Fortschritte in den Forschungsbereichen ihr Einkommen. In dieser Phase wird außerdem die Energieversorgung der einzelnen Regionen sowie der Stand der globalen CO2-Verschmutzung überprüft. Die Dauer der sich anschließenden Aktionsphase richtet sich nach der Anzahl der Mitspieler. Je mehr Mitspieler am Spiel teilnehmen, desto weniger Aktionsrunden finden statt. In der Aktionsphase können die Spieler jeweils genau eine von drei Aktionen ausführen: Kraftwerksprojekte vorschlagen, das Projekt umsetzen oder Kraftwerke in den einzelnen Regionen bauen. Dafür gibt es immer vorher festgesetzte Belohnungen in Form von Geld, Techquadern, Emissionszertifikaten oder Wissen. Zusätzlich können noch diverse kostenlose Aktionen ausgeführt werden. Grundsätzlich ist es aber erst einmal wichtig die grundlegenden Zusammenhänge zu verstehen. So werden z.B. die Projekte zwar den Regionen zugeordnet, die an ihnen forschenden Wissenschaftler gehören allerdings zu den einzelnen Konzernen. Dadurch ist es ohne weiteres möglich, dass mehrere Konzerne in derselben Region forschen. Durch Abgabe der im Spiel vorhandenen Ressourcen Geld und Technologiemittel können die verschiedenen Arten von Kraftwerken errichtet werden, wenn der eigene Konzern die zugehörigen Forschungsvoraussetzungen erfüllt. Die Kraftwerke gehören anschließend den Errichter-Konzernen und gewähren diesen damit die Kontrolle über die Region. Wichtig ist zu begreifen, dass alle Aktionen in einer Region von allen Spielern gleichermaßen durchgeführt werden können, woraus sich ein hoher taktischer Anspruch für das Spiel ableitet. Ebenfalls äußerst wichtig ist die ständige Präsenz von Wissenschaftlern bei verschiedenen Projekten oder Klimagipfeln, um daraus Nutzen für die eigene Forschung zu ziehen, die wiederum wichtig für das Einkommen am Anfang jeder Dekade ist. Die hier angerissenen Regeln stellen vor allem den zentralen Bereich der Spielregel dar. Zudem gibt es noch eine Menge kleinerer Zusatzregeln und Besonderheiten, die zu beachten sind und schnell vergessen werden. Das wiederum reicht schon aus, über Sieg oder Niederlage zu entscheiden. Ständige Konzentration ist also Voraussetzung. Die bei Spielende entscheidenden Siegpunkte gibt es im Spiel vor allem für den Bau von Kraftwerken, die Erfüllung von UN-Karten oder die Erfüllung von Zielkarten. Zusätzlich kann jederzeit auch ein Teil des Einkommens als warmer Siegpunkt-Regen in Anspruch genommen werden.

Spieletester

23.06.2013

Fazit

CO2 ist ein überaus komplexes Mangel- und Wirtschaftsspiel mit kooperativem Einschlag und frischem, unverbrauchtem, aber auch sehr speziellem Thema. So wird z.B. der im realem Leben eher undurchsichtige Handel mit Emissionszertifikaten thematisiert. An solchen Thematiken werden sich aber sicher die Geister scheiden und das Spiel wird somit nicht für jeden Spieler gleichermaßen interessant sein. Der zentrale Teil der Spielregel ist zwar recht einfach aufgebaut und schnell verinnerlicht, trotzdem benötigen die Spieler mindestens ein komplettes Spiel zum Verständnis des gesamten Mechanismus, um die vielen Zusatzregeln wenigstens im Ansatz begriffen zu haben. Leider ist vieles am Spiel inklusive der sehr gut funktionierenden Mechanismen absolut abstrakt, so dass kaum eine entsprechende Atmosphäre am Spieltisch aufkommen will. Auch die gesamte Aufmachung des Spiels unterstützt diesen Eindruck, zudem ist speziell die Grafik in punkto Lesbarkeit von Informationen vielfach nicht besonders vorbildlich. Für die ersten Partien sollte man trotz der von Giochix.it genannten 120 Minuten erst einmal rund drei Stunden einplanen. Mit zunehmender Erfahrung im Spiel wird die vom Verlag vorgegebene Zeit dann realistischer. CO2 ist für Vielspieler ohne Zweifel ein sehr gut funktionierendes Spiel, das ihnen interessante und bis zum Schluss spannende Partien bieten kann. Allerdings sprechen fehlende Atmosphäre und die gefühlt zu lange Spieldauer eine andere Sprache. Aus vorgenannten Gründen würde ich in jedem Fall eine Probepartie anraten, leider gibt es aber in Deutschland bisher keinen Vertriebspartner, sodass man es nur im Internet oder direkt bei Giochix.it bestellen kann.
Redaktionelle Wertung:

Plus

Minus

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Details

Auszeichnungen:
Spieleranzahl: 1 bis 5
Alter: ab 12 Jahren
Spieldauer: 120 Minuten
Preis: 45,00 Euro
Erscheinungsjahr: 2012
Autor: Vital Lacerda
Grafiker: Paula Simonetti
Genre: Strategie
Zubehör:

1 Spielplan, 100 Holzscheiben (15 je Spielerfarbe), 20 Wissenschaftler (Holz-vier je Spielerfarbe), 25 weiße Technologiemittel (Quader), 40 KEZe (große, violette Holzscheiben), 1 KEZ Marktpreismarker (große, rote Holzscheibe), 1 Anzeigemarker für globale CO2 Verschmutzung, 1 Dekadenmarker, 1 Spielrundenmarker, 30 zweiseitige Projektplättchen, 5 Aufforstungskraftwerkplättchen, 5 Biomassekraftwerkplättchen, 5 Sonnenenergiekraftwerkplättchen, 5 Wiederverwertungskraftwerkplättchen, 5 Fusionskraftwerkplättchen, 10 Kohlekraftwerkplättchen, 10 Erdölkraftwerkplättchen, 10 Erdgaskraftwerkplättchen, 8 regionale Agendaplättchen, 18 Gipfeltreffenplättchen, 26 Lobbykarten, 13 UN-Zielkarten, 7 Konzern Zielkarten, 6 Ereigniskarten, 50 Münzen in vier Werten, 1 Startspielerplättchen, Spielregel

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